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Ihre IFFA Updates

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Weder Fisch noch Fleisch - Alternative Proteinquellen auf dem Vormarsch

Das Angebot an pflanzlichen Alternativen steigt stetig, wobei deutsche Unternehmen 2020 laut sta­tischem Bundesamt knapp 39 Prozent mehr vegetarische Nahrungsmittel herstellten als noch im Vorjahr. Zudem verzeichnet die Veganuary Challenge 2022 — eine internationale Kampagne, die dazu aufruft, als Neujahrsvorsatz eine pflanzenbasierte Ernährung auszuprobieren — mit mehr als 200 Unternehmen, die Marktneuheiten und Aktionen präsentieren, in Deutschland eine Rekordteil­nahme.

Alternative Proteinquellen (Quelle: BALpro)

Bei der Herstellung der Produkte kommen neben Soja und Seitan regionale Rohstoffe wie Lupinen oder Erbsen zum Einsatz und der gesundheitliche Mehrwert spielt eine immer größere Rolle. „Un­sere vegetarischen Fleischalternativen bestehen aus wenigen, natürlichen Zutaten, die wir mit ho­hem Forschungsaufwand und Fokus auf Qualität und Kulinarik in faserige Strukturen verwandeln – ganz ohne Konservierungs- oder andere Zusatzstoffe“, erklärt Judith Wemmer, Geschäftsleitungs­mitglied der 2019 gegründeten Planted Foods AG. „Mit unserer eigenen transparenten Produktions­stätte in der Nähe von Zürich können wir Innovationen in kürzester Zeit auf den Markt bringen und sind so bereit, langfristig die Ernährungswende mit immer nachhaltigeren Technologien und Roh­materialien voranzutreiben.”

Parallel zu dem Angebot an gesunden und umweltfreundlichen Fleischalternativen wächst auch der Markt für Pflanzendrinks. So werden laut einer Studie der ING Bank die Einnahmen, die auf diese Branche entfallen, innerhalb der Europäischen Union und Großbritannien bis 2025 auf 5 Milliarden Euro steigen. „Als Proteinquelle spielt die Sojabohne — besonders aus europäischem Bio-Anbau — weiterhin eine große Rolle“, erklärt Bernd Esser, Geschäftsführer der Berief Food GmbH, einer der führenden deutschen Hersteller von pflanzlichen Produkten in Bioqualität. „Außerdem entwickeln wir derzeit u.a. Drinks auf Basis von Erbsen und Hanfsamen.“

Hinter den erfolgreichen Produktinnovationen steht häufig eine zeit- und kostenintensive Forschung und Entwicklung. Deshalb hat die Planteneers GmbH— eine 2021 gegründete eigenständige Toch­tergesellschaft der Stern-Wywiol Gruppe — den Plantbaser entwickelt. Der digitale Konfigurator ermöglicht es den Herstellern von pflanzenbasierten Lebensmitteln, ihr Wunschprodukt innerhalb von rund 15 Minuten online zusammenzustellen. Hierbei können Eigenschaften wie Inhaltsstoffe, Textur und Mundgefühl individuell festgelegt werden „Die Digitalisierung schreitet auch im B2B-Bereich mit großen Schritten voran“, erläutert Dr. Dorotea Pein, Leiterin des Planteneers-Produkt-managements. „Insofern erschien es uns nur logisch, ein Instrument anzubieten, das unseren Kun­den die digitale Produktentwicklung enorm erleichtert.“

Klimafreundliche Proteinversorgung durch Insekten

Neben pflanzlichen Alternativen haben insektenbasierte Lebensmittel das Potenzial, einen wesentli­chen Beitrag zur Proteinversorgung der Zukunft zu leisten. Weltweit gibt es rund 2.000 essbare In­sekten, von denen einige in Asien, Südamerika, Australien und Afrika ganz selbstverständlicher Teil einer ausgewogenen menschlichen Ernährung sind. Bei der Insektenzucht entsteht durch den Einsatz von Lebensmittelabfällen als Tierfutter eine vollständige Wertschöpfungskette und die Hal­tung funktioniert vertikal, was sie besonders ressourcenschonend macht.

Um die Lebensmittelinnovation in Europa voranzubringen, setzen sich Hersteller für die politische Gleichstellung insektenbasierter Lebensmittel mit anderen hochwertigen Produkten ein. „Wir möch­ten unserem Wirtschaftssektor zu mehr Wachstum verhelfen, wozu die Kombination von guten Pro­dukten mit einer ökologischen Mission der Schlüssel ist“, erklärt Christian Bärtsch, CEO des Star-tups Essento Insect Food GmbH, das im Jahr 2017 den ersten Insekten-Burger in den Schweizer Einzelhandel gebracht hat. Ein erster politischer Schritt in diese Richtung ist bereits getan: Am 3. Mai 2021 haben Mehlwürmer als erstes Insekt überhaupt in der Europäischen Union die Zulassung als neuartiges Lebensmittel erhalten. „Dies ist ein wichtiger Meilenstein, stärkt das Vertrauen der Konsumenten weiter und ermöglicht uns den Zugang zu neuen Märkten”, so Bärtsch.

Fleisch der Zukunft „Cultivated Meat“

Ein weiterer alternativer und innovativer Proteinlieferant ist „Cultivated Meat“. Zur Produktion der Fleischalternative aus der Petri-Schale werden einem gesunden Tier nach lokaler Betäubung einige Muskelzellen entnommen und in eine Nährlösung aufgebracht, in der sie sich vermehren. Für ein einziges Burger-Pattie braucht man jedoch rund 20.000 dieser Zellen, was mit zahlreichen Heraus­forderungen sowie hohen Produktionskosten verbunden ist: Zunächst wird eine Zellkultur benötigt, die die Massenproduktion zulässt. Zudem braucht es ein passendes Nährmedium sowie Bioreakto­ren, in denen die Herstellung der gewünschten Mengen möglich ist.

„Unser Ziel ist es, Fleisch klimafreundlicher zu produzieren, damit Menschen auch zukünftig pro­blemlos tierische Produkte konsumieren können“, so Laura Gertenbach, Gründerin von Innocent Meat, dem ersten deutschen Startup, das sich mit der Erzeugung von Fleischprodukten aus tieri­schen Stammzellen beschäftigt. „Was wir hierfür wirklich brauchen, sind mutige Investitionen in neue Verfahren wie es sie in Amerika gibt, denn Cultivated Meat wird nur dann im Supermarkt lan­den, wenn es bezahlbar ist.“

Bundesverband für Alternative Proteinquellen e.V.: Differenzieren statt ideologisieren

Um diesen Wandel zu beschleunigen, wurde im März 2019 der Bundesverband für Alternative Pro­teinquellen e.V. (BALPro) gegründet. Unter den derzeit über 100 Mitgliedern finden sich Startups, Lebensmittelexperten, Forschungseinrichtungen sowie Vertreter der konventionellen Fleischindus­trie. Ziel des Verbandes ist es, gemeinsam eine nachhaltige und wirtschaftlich effiziente Agrar- und Ernährungswirtschaft frei von Einzelinteressen zu fördern. „Hierzu stehen wir im differenzierten und transparenten Dialog mit Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verbrauchern und möchten ih­nen die Chance geben, sich frei von Ideologisierung zu vernetzen und Informationen auszutau­schen“, erläutert Fabio Ziemßen, erster Vorsitzender des Verbandes.

Autorin: Michelle König, BALPro